Bregenz: das Fabriksareal
13. August 2011Das Schoellerareal in Bregenz - Mariahilf hat eine längere Geschichte. Schoeller, das ist der sehr bekannte Name einer rheinischen Unternehmerfamilie. Schon im Mittelalter waren Mitglieder dieser Familie Metallunternehmer, Großschmiede. Aus diesem Bewusstsein heraus entsprangen im 18. Jahrhundert Gründer, Gesellschafter und Manager zahlreicher bedeutender Unternehmen der Textil-, Papier, - Zucker - , Bau-, Steinkohlen -, Eisenbahnbau- und Stahlindustrie an vielen Orten der Welt.
An ihren jeweiligen Firmenstandorten spielte die Familie eine bedeutende soziale und wirtschaftliche Rolle. Dazu zählten unter anderem der Bau ganzer Wohnsiedlungen oder auch der Erwerb landwirtschaftlicher Güter zum Anbau von Grundnahrungsmitteln für ihre Mitarbeiter.
Das Bregenzer Areal geht auf Rudolf Schoeller zurück, der im Jahr 1867 in der Schweiz tätig wurde und dabei auch en passant die Fabrik in Bregenz gründete. Nach der weltweiten Verlagerung der Textilindustrie in den fernen Osten war das Textilareal in Bregenz nicht mehr notwendig. Die nächste Phase begann.
Städtebauliche Studien werden über dieses ehemalige Areal gelegt, schliesslich ein gehobener Gewerbepark, die schoeller2welten begründet. Dabei sollte ein räumlicher und inhaltlicher Dialog zwischen dem schoellertypischen Baubestand und den geplanten Neubauten stattfinden. Für die Umsetzung dieser Idee nimmt das hohe Bürohaus vom Architekturbüro Hörburger Kuess Schweitzer die entscheidende Rolle ein.Das hohe Haus ist ein schlanker, eleganter Turm, ein räumlicher Gegenspieler zur flächigen Shedhalle. Der Turm steht durchaus im Kontrast zu den erhaltenen, Schoeller-typischen, alten Bauwerken (Villa, Shedhalle, Portierhaus), wo Kulturnachnutzungen eingezogen sind. Schlanke, anthrazit durchgefärbte Betonfertigteile von fast Miesscher Qualität strukturieren den verglasten, wirklich schönen Baukörper.
Die letzte Phase der Umwandlung stellen vier organisch geformte Wohnbauten auf einer Wiese dar, die an den anschliessenden Waldhang grenzt. Bauträger war auch hier die Rhomberg Bau GmbH, die mit dem Pilotprojekt Wohnpark Sandgrubenweg die Qualitäten eines Einfamilienhauses in den Geschosswohnbau überführen wollte. Ausgehend von der formalen Figur von sich überschneidenden Wellen wurde die Geometrie der viergeschossigen Trakte und ihre beschattungsfreie Stellung zueinander spielerisch festgelegt.
Jedes der vier Häuser wird über eine einläufige Treppe erschlossen, es gibt fünf Wohneinheiten pro Geschoss. Die in Mischbaubauweise errichteten Gebäude (Konstruktion Stahlbeton, Fassaden vorgefertigte Holzelemente, Innenwände fünffach beplankter Gipskarton) bieten hohe Variabilität in den Grundrissen. Umlaufende Terrassen gliedern die hölzernen Baukörper, die roten Sonnenschutz-Lochbleche spielen mit den dunkelblauen, textilen Verschattungen. Sehr elegant und fesch, das alles.
Es gibt allerdings auch Verlierer bei dieser Siegergeschichte. Was man nicht auf den ersten Blick sieht: Als die Textilindustrie gut ging, holten die Schoellers zu tausenden ungelernte Hilfsarbeiter aus der Türkei nach Vorarlberg. Mittlerweile sind die Industrien nach China weitergezogen (dort kann man die Menschen wahrscheinlich etwas besser ausbeuten als hier), aber die ehemaligen Hilfsarbeiter sind noch hier. Sie streifen irgendwie unpassend als Hierhergeholte und dann Hiergebliebene wie Schatten an diesem schönen Sommertag durch die teure und elegante Siedlung, die den edlen Namen Schoeller trägt: deren Perspektive möchte ich nicht haben.
































