Tabor: die Taliban des späten Mittelalters
7. August 2010Während der heutige Blick auf die renovierten Bürgerhäuser von Tabor einen ausgesprochenen Eindruck von Frieden, Ruhe und Beschaulichkeit bieten (vielleicht sogar: zu ruhig), sollte man sich doch davon nicht täuschen lassen. Diejenigen geistigen Kräfte, welche diese Stadt in Südböhmen im Jahr 1420 gegründet hatten, waren der vielleicht radikalste und unbarmherzigste Fügel der Hussiten, also eine Art Taliban - Gesellschaft der frühen Neuzeit.
Die Taboriten lehnten alles ab: Zeremoniell, Priesteramt, Gewänder, Reliquien, Bilder, Heiligenverehrung, Eide, Fasten, Beichte. Wenn sie nicht gerade unterwegs waren, um den umliegenden Völkern bis hinein ins österreichische Waldviertel diese Anschauung in die Köpfe hinein zu prügeln - ohne Rücksicht auf Verluste, übrigens - betätigten sie sich am Bau ihrer Idealstadt nach dem Vorbild einer fiktiven, christlichen Urgemeinde. Alles an dieser Stadt war fiktiv. Der Name der Stadt leitete sich ab vom Berg Tabor in Nordisrael. Dieser ist eigentlich ein Opferplatz des Baal, weil aber im Matthäusevangelium 17,1 - 12 von der Erhöhung Christi auf einem namenlosen Berg die Rede ist, wurde dieser heilige Berg der Kanaaiten kurzerhand christianisiert. Den Taboriten in Böhmen reichte diese Umbenennung aber noch lange nicht nicht. Sie stauten das Flüsslein Lainsitz zu Fuße der Stadtsiedlung auf, und nannten den solcherart entstandenen Fischteich Jordan, den es übrigens bis heute gibt.
Kaiser Sigismund machte schließlich im Jahr 1437 dem Spuk ein Ende. Tabor wurde eine blühende Handelsstadt. Das Gedächtnis der Kirche jedoch war langatmiger als das der weltlichen Herrscher. Um 1620 wurden die Nachfahren der wilden Taboriten, zweihundert Jahre nach ihrer Gründung, zwangsweise rekatholisiert.


